Frühkindliche Reflex Integration
Wozu gibt es frühkindliche Reflexe?
Frühkindliche Reflexe sind angeborene, automatisch ablaufende Bewegungsreaktionen, die durch das zentrale Nervensystem gesteuert werden. Sie entstehen bereits während der Schwangerschaft und sind bei der Geburt notwendig, da das Gehirn des Neugeborenen – insbesondere die kortikalen Steuerungszentren – noch nicht ausreichend ausgereift und vernetzt ist, um Bewegungen willentlich und gezielt zu kontrollieren.
Diese Reflexe sichern das Überleben des Säuglings und bilden die Grundlage für seine frühmotorische Entwicklung. Sie ermöglichen grundlegende Funktionen wie Atmung, Saugen, Schlucken, Greifen und erste Lage- und Haltungsanpassungen. Gleichzeitig liefern sie kontinuierlich sensorische Rückmeldungen an das Gehirn und fördern dadurch die Reifung neuronaler Netzwerke.
Im Zusammenspiel mit Bewegung, Wahrnehmung und Umweltreizen unterstützen frühkindliche Reflexe die Entwicklung von Gleichgewicht, Körperhaltung, Koordination, Fein- und Grobmotorik sowie später auch von Sprache und Wahrnehmungsverarbeitung. Sie wirken dabei nicht „zielgerichtet“, sondern stellen einen neurobiologischen Reifungsmechanismus dar, durch den das Gehirn lernt, Bewegungen zunehmend bewusst zu steuern.
Im Verlauf der ersten Lebensmonate werden diese Reflexe schrittweise gehemmt (integriert), während willkürliche, kontrollierte Bewegungen wie Drehen, Robben, Krabbeln, Aufrichten und Gehen an ihre Stelle treten. Dieser Prozess ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Entwicklung.
Kommt es jedoch während der Schwangerschaft, der Geburt oder in der frühen Entwicklung zu Belastungen oder Unterbrechungen dieses Reifungsprozesses, können einzelne Reflexe unzureichend integriert bleiben. Solche sogenannten Restreflexe können – unabhängig von der Intelligenz des Kindes – die weitere Entwicklung beeinträchtigen und sich unter anderem in motorischen Auffälligkeiten, Koordinationsproblemen, Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsproblemen oder Auffälligkeiten in der Wahrnehmungs- und Sprachentwicklung zeigen.
Sind die relevanten Gehirnareale altersentsprechend vernetzt und arbeiten sensorische, motorische und kognitive Funktionen gut zusammen, spricht man von neuronaler Schulreife.
Wann reift oder integriert sich ein frühkindlicher Reflex nicht?
Eine unvollständige Reifung oder Integration frühkindlicher Reflexe kann auftreten, wenn diese Reflexe entweder nicht ausreichend ausgelöst, nicht genügend wiederholt oder durch ungünstige Bedingungen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Mögliche Einflussfaktoren sind unter anderem:
-
Belastungen während der Schwangerschaft, z. B. anhaltender Stress, Alkohol- oder Nikotinkonsum, bestimmte Medikamente oder stark eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten des Fötus
-
Belastungen rund um die Geburt, wie ein sehr schneller oder sehr langer Geburtsverlauf, Kaiserschnitt, Einsatz von Zange oder Saugglocke, medikamentöse Wehenunterstützung oder andere geburtliche Interventionen
-
Unzureichende sensomotorische Erfahrungen in der Säuglingsphase, etwa durch eingeschränkte Eigenbewegung oder überwiegend passive Lagerung, z. B. häufiges Liegen in Babywippen, Autositzen (Maxi-Cosi), Gehfrei-Geräten oder überwiegende Rückenlage ohne ausreichende Bewegungsvariationen
-
Weitere belastende oder traumatische Erfahrungen, einschließlich emotionaler Belastungen, fehlender Sicherheit oder ungünstiger Interaktions- und Bindungsmuster im frühen Umfeld
Unter solchen Bedingungen können sich die notwendigen neuronalen Verknüpfungen und Nervenbahnen im Gehirn nicht optimal ausbilden und stabilisieren. Die Reifung der motorischen und sensorischen Steuerung verläuft dann verzögert oder unvollständig. In der Folge können Anteile unwillkürlicher, reflexhafter Muskelreaktionen bestehen bleiben (sogenannte Restreflexe).
Diese neurofunktionelle Unreife kann für den Betroffenen – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene – sehr anstrengend sein, da das Nervensystem fortwährend versucht, reflexhafte Reaktionen zu unterdrücken oder zu kompensieren. Unterschiedliche Reize wie bestimmte Bewegungen, Körperhaltungen, Berührungen oder Stresssituationen können diese Reflexmuster immer wieder aktivieren. Dies kann im Gehirn eine erhöhte Alarmbereitschaft auslösen, die häufig mit Stressreaktionen wie Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen einhergeht.
Solche anhaltenden Belastungen des Nervensystems stellen einen möglichen Erklärungsfaktor für Lern-, Aufmerksamkeits-, Verhaltens- und Regulationsprobleme dar, ohne dass die Intelligenz oder Motivation des Betroffenen beeinträchtigt sein muss.
Mögliche Anzeichen für noch aktive frühkindliche Reflexe
Nicht vollständig integrierte frühkindliche Reflexe können sich in unterschiedlichen Bereichen bemerkbar machen. Die folgenden Merkmale stellen keine Diagnose, können jedoch Hinweise auf eine neurofunktionelle Unreife sein – insbesondere dann, wenn mehrere Anzeichen gleichzeitig auftreten und über längere Zeit bestehen:
-
Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen oder die Körperhaltung stabil zu halten
-
Erhöhte Ängstlichkeit, starkes Klammern oder ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis
-
Geringe Stresstoleranz, schnelle Überforderung
-
Zehenspitzengehen oder auffälliges Gangbild
-
Wechsel zwischen Phasen von Überaktivität und starker Erschöpfung
-
Reiseübelkeit, Höhenangst oder Unsicherheiten in der Raumlage
-
Unklare oder verwaschene Aussprache
-
Verkrampfte Stifthaltung, rasche Ermüdung der Hand, unleserliche Handschrift
-
Überempfindlichkeit gegenüber Lärm, Licht oder anderen Sinnesreizen
-
Ausgeprägte Abneigung gegen Veränderungen oder neue Situationen
-
Schlechte Körperhaltung beim Sitzen, starkes Abstützen oder Liegen auf dem Tisch
-
Verdrehen des Blattes oder ungewöhnliche Kopf- und Körperhaltung beim Schreiben
-
Häufiges Anstoßen oder Umwerfen von Gegenständen
-
Geringe Lesemotivation, Schwierigkeiten im Leseverständnis
-
Probleme beim Abschreiben von der Tafel (z. B. Auslassungen, Zeilenverluste)
-
Schwierigkeiten beim mathematischen Verständnis
-
Rechtschreibprobleme
-
Niedriges Selbstwertgefühl oder schnelle Frustration
-
Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme (z. B. Schwierigkeiten beim Seilspringen, Ballspielen)
-
Vermeiden oder Schwierigkeiten beim Blickkontakt
Aktive frühkindliche Reflexmuster können das Nervensystem dauerhaft in erhöhter Aktivität halten. Dies kostet viel Energie und erschwert es Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, über längere Zeit konzentriert, ruhig und zielgerichtet zu arbeiten. Die eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit ist dabei häufig keine Frage des Wollens, sondern Ausdruck einer erhöhten neurophysiologischen Belastung.
Behandlung
Die Behandlung umfasst die Arbeit mit bis zu 14 frühkindlichen Reflexmustern und erstreckt sich in der Regel über etwa 12 Sitzungen mit einer Dauer von 30 bis 75 Minuten pro Termin. Die ersten drei Sitzungen können innerhalb des ersten Monats stattfinden. Anschließend wird üblicherweise ein Reflex pro Monat bearbeitet, um dem Nervensystem ausreichend Zeit für Anpassung und Integration zu geben.
Die Behandlung richtet sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene. Sie erfolgt über sanfte manuelle Impulse, gezielte Berührungen sowie angeleitete Bewegungsübungen, die darauf abzielen, unzureichend integrierte Reflexmuster nachträglich zu aktivieren und deren Integration zu unterstützen. Durch diese gezielten sensomotorischen Reize sollen die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale sowie die Qualität neuronaler Verschaltungen gefördert werden. Auf diese Weise können motorische, sensorische und regulatorische Funktionen schrittweise stabilisiert werden.
Ergänzend werden – in begrenztem Umfang – einfache Übungen für zu Hause empfohlen, um den Integrationsprozess zwischen den Sitzungen zu unterstützen, ohne das Nervensystem zu überfordern.
In den ersten Sitzungen arbeite ich mit Elementen aus der Human Neuro Cybrainetics (HNC), um grundlegende Spannungsmuster im Körper zu regulieren. Dazu gehören unter anderem die sanfte Unterstützung der Aufrichtung im Bereich der oberen Halswirbelsäule (Atlas), das Lösen von funktionellen Körperverdrehungen sowie das Ausgleichen von Spannungen im cranialen Bereich. Ziel ist es, günstige Voraussetzungen für die nachfolgende Reflexarbeit zu schaffen.
Bei Säuglingen und Kleinkindern empfehle ich ergänzend, auch die Mutter in den Prozess einzubeziehen. Da frühe Bindung, Regulation und Stressverarbeitung maßgeblich über Co-Regulation erfolgen, kann eine eigene Behandlung der Mutter unterstützend wirken. Durch die Bearbeitung eigener Stress- und Schutzreaktionen (z. B. erhöhter Alarmbereitschaft) kann ihre Fähigkeit zur Ruhe, Präsenz und feinfühligen Interaktion gestärkt werden, was sich positiv auf den gemeinsamen Bindungs- und Entwicklungsprozess auswirken kann.